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Cro ist kein HipHop

Der Musikjournalist Tobias Rapp zieht in Allerneuste deutsche Welle einen interessanten Vergleich. Interessant, weil er hinkt und ziemlich platt ist: HipHop schreie unter allen Musikrichtungen am lautesten nach Aufmerksamkeit. Und passe deshalb so gut zur Generation Selfie, die perfektionierten Aufmerksamkeits-Heischer.

Der aktuelle SPIEGEL widmet seinen Kultur-Teil den (jungen) Wilden im Musik-, Festival- und Nachtleben (übrigens ausschließlich Männer, aber das ist eine andere Geschichte). Irgendwie sollte da neben dem Berghain-Türsteher Sven Marquardt noch was Neues, vielleicht sogar krasses rein. Marquardt ist den Mainstream-Medien schließlich auch schon bekannt, damit kann man keinen überraschenden Stilbruch forcieren. Dann vielleicht dieses unverständliche Phänomen, dass die junge Generation auf deutschen HipHop steht?

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Eigentlich spannend. Doch Rapp schießt sich und seinen Artikel gleich von Anfang an ins Aus.

Erstens macht er Cro zum Aufhänger seiner Geschichte – natürlich ist das dessen Erfolg geschuldet. Und mehr muss man dazu auch nicht sagen.

Zweitens wirft er das, was Cro macht mit Musik von Celo & Abdi, Haftbefehl, Kollegah, Farid, Marteria, Prinz Pi und Casper in einen Topf (wobei man die letzten zwei mittlerweile wirklich in diesen Topf werfen kann) und nennt das alles dann POP. Man hat Genres ja unter anderem deshalb erfunden, um differenzieren zu können. Natürlich kann man argumentieren, dass Pop für nichts anderes steht als populärkulturelle, also den Geschmack der Masse treffende Musik. Aber musikwissenschaftlich ist genau diese Definition umstritten. Spannender wäre die Frage gewesen, ob Cro nicht gerade wegen seiner poppigen Einschläge so erfolgreich ist. Und ob seine Musik dann HipHop oder Pop genannt werden sollte. Nicht gesungene Reime machen noch lange keinen HipHop (siehe Heinos letztes Album).

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Drittens hat er seine Fakten nicht ordentlich gecheckt. Marteria ist entweder ein Wahl-Berliner oder Rostocker, wie man unschwer auch immer wieder in seinen Texten hören kann. Zudem scheine ich junge Erwachsene anders zu definieren als Tobias Rapp. Ich hatte Kids vor allem immer als Verweigerung eines seriösen, gesettleten Lebensstils von Mittdreißigern (zu den Marteria bald gehört) verstanden. Junge Erwachsene klingt für mich nach 19- bis 25jährigen, die vielleicht studieren, vielleicht noch nicht genau wissen, wie es weitergeht. Menschen Anfang 30 sind Erwachsene, lets face it, auch wenn sie frei nach Erich Kästner im Herzen für immer Kinder bleiben.

Viertens zeichnet er ein falsches Bild des deutschen HipHop. Bei Rapp klingt das so: bürgerliche Deutsche haben in den 90ern mit der Musik experimentiert und sind dadurch bekannt geworden (i.e. Fanta 4), die Migrantenkids wurden nicht ernst genommen, Anfang der 00er Jahre haben sie dann begonnen, mit Gangster-Rap Angst und Schrecken zu verbreiten (i.e. Bushido). Vielleicht verkläre ich meine Teenager-Tage, aber ich erinnere mich jetzt spontan noch an Torch (Halb-Haitianer), Samy Deluxe (Vater aus dem Sudan – und wenn Samy nicht Mainstream war, wer dann?), Kool Savas, Eko Fresh (Deutschtürken)…. und und und. Ja, das waren alles harte migrantische Gangster-Rapper, die Anfang der 00er Jahre Terror gemacht haben. Und die bürgerlichen deutschen Kids wie Sido haben damals ja ganz brav von was noch mal gesungen? Ach ja… dem Arschficksong.

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Fünftens reduziert Rapp HipHop auf Texte über dicke Autos und willige Frauen. Da sind Cros seichten Texte natürlich eine kulturelle Verbesserung. Ich frage mich wirklich, ob Rapp diese Überheblichkeit für den SPIEGEL in den Text einbauen musste? Er schien mir bisher eigentlich an HipHop und der Rap-Kultur zumindest interessiert. Wie kann er dann die gesellschaftskritischen Texte von Celo & Abdi oder Prinz Pi außen vor lassen? Wie die spirituell nach Sinn suchenden Lyrics von Marteria? Wie die mutmachenden Zeilen von Kollegah? Es ist schade, dass selbst Rapp das gängige Klischee über hohle Texte in einem Massenmedium wie den SPIEGEL weiterverbreitet, damit die bürgerliche Schicht sich kopfschüttelnd wundern kann über diese primitive Musik, die sie immer zu ernst nehmen und leider nie verstehen wird.

Du bist Boss, wenn du Gefühle kontrollierst, deine Physis modellierst, dich weiterbildest um die Psyche zu trainieren. (aus Kollegah, 2014: Du bist Boss)

Sechstens macht es sich Rapp leicht: HipHop sei beliebt bei den Jungen, weil das Genre genauso narzisstisch und egozentriert ist wie die Selfie-Generation. Wobei es sich hierbei nur um einen weiteren kläglichen Versuch eines Journalisten handelt, eine heterogene gesellschaftliche Gruppe auf ein Merkmal zu reduzieren. Meine Mutter macht übrigens jeden Tag ein Foto von sich und das seit Jahren. Gehört sie auch der Selfie-Generation an? Oder ist sie sogar avantgarde? Rapp argumentiert, dass HipHop historisch bedingt aufmerksamkeitsheischend sei, schließlich wollten die jungen, von der post-industriellen Revolution vergessenen Afro-Amerikaner wahrgenommen werden, um jeden Preis. Das allein sei der Ursprung dieser Musikrichtung. Wie absurd diese Aussagen sind, wird klar sobald man an David Bowie, Madonna, Lady Gaga, Miley Cyrus etc etc etc denkt. Tobias Rapp gründet seinen Artikel auf diese Analogie und scheitert dadurch sofort.

Und abschließend noch siebtens zum Vorwurf deutscher HipHop sei Volksmusik. Wenn Rapp Volksmusik so weit definiert, wie er den Genrebegriff Pop fasst, dann könnte HipHop durchaus „Volksmusik“ werden – auch wenn das Wort Volk nicht mehr zeitgemäß ist. Wenn er mit dieser Aussage allerdings meint, deutscher HipHop sei banal, unpolitisch, hohl und mitgrölbar – dann scheint er die falsche Besetzung für einen Artikel über deutschen HipHop zu sein. Vielmehr lebt Deutsch-Rap wieder auf und schließt endlich wieder an die guten Sachen der 90er an. In den letzten fünf Jahren sind mehrere spannende, interessante, lyrisch und musikalisch innovative Alben auf dem deutschen Markt erschienen, die teilweise auch zu Recht beim Massenpublikum ankommen.

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