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mehmet dekonstruiert: aus dem inneren.

ich kann kein brot mehr essen, ohne an den verlorenen job meines vaters zu denken. er hat seit 40 jahren in dieser schäbigen, kleinen brotfabrik gearbeitet, am äußersten rand dieser stadt. er war für die plastikverpackungen zuständig, jeden tag hat er die in 8 scheiben geschnittenen weizenbrote kontrolliert, ob sie korrekt verpackt sind, ob dieses kleine rote metallding zum zumachen auch angebracht worden ist. die letzten fünf jahre war er sogar vorarbeiter, da war er krass stolz auf sich selbst. er hat mich eigentlich immer aufgeregt, weil er diesen komischen männlichkeitsscheiss, diese spur mit sich rumgezogen hat: ich ernähre euch. ich bin euer VATER. ich bin hier für alles zuständig. den nebenjob meiner mutter und meines älteren bruders hat er nie ernst genommen: ich bin hier für alles zuständig. und es war irgendwie auch nicht schlimm, ne. ich dacht’ mir eine einzige sache kann man ihm ja geben, kann man ihm ja lassen, da geht’s gar nicht so sehr um männlichkeit, sondern um die identität, wenn du das einem wegnimmst, dann steht er da, nichts-habend.
er kam erst als kind nach bremen, hat schon mit 13 angefangen als kistenschlepper in einem libanesischen gemüsemarkt zu arbeiten, hat eine ausbildung als kfz-mechaniker gemacht, jaja, ist ok, wir brauchen jetzt nicht die deutscheste superdeutsch preußische gastarbeiter emotionalstory aufbauen, brauchen jetzt nicht im inneren geschichtsgefühlsdreck zu wühlen. schnurrbärtig sitzen sie dann in talkrunden bei anne will und spielen den assimilierten herzgut-türken, der dann in der fünfzigsten minute doch gefragt wird, was er über integration denkt.
meinen vater, einen kräftigen mann mit groben, tabakgelblichen händen, fingerspitzen, den stelle ich mir da nicht vor. der hat der welt nichts zu sagen, hat sein päckchen bei der post abgeholt und trägt es durchs leben wie nichts, beklagt sich nicht, ist aber auch nicht euphorisch, baut permanent zucchini im garten an, freut sich über hereineilende tauben, die auf dem rasen spazieren. so ist er. aber als er seine arbeit verloren hat, wegen „einsparungen“, weil er nunmal ein altes pferd ist, da hat er sich auf seinem bett zusammengerollt und das nicht-reden ist so ner art nicht-reden-können gewichen. mein bruder und meine mama waren besorgt, haben ihn nicht mehr gebeten, die wasserkästen auszutauschen oder den tisch abzuräumen. ich bin eh still, bin eh nicht so der tröster, mir fallen auch keine trostworte ein. einmal hab’ ich ihn gefragt, ob ich ihm was von draußen mitbringen soll und er blickte mich nur leer und enttäuscht hat. danach hab ich das fragen eingestellt. aber auch das darf man nicht überbewerten, ich stelle das fragen eigentlich immer recht schnell ein, wenn etwas nicht weitergeht, wenn jemand komisch guckt, wenn ich denke, ich könnte mich irren. wenn ein streit in die nächste runde einläutet und ich bin nicht vorbereitet, ich hab keine deckung: dann ist es meistens schon mit den fragen vorbei.

die brotfabrik liegt jetzt wieder ein paar monate zurück, mein vater lacht auch wieder, am meisten über „king of queens“, er sagt, ach, so ne comedy können türken gar nicht machen, türken seien nicht lustig. aber die amis, die verstünden was von comedy, das wäre richtig intelligent, aus dem leben gegriffen. würde man für ne serie das leben meines vaters als vorbild nehmen, wäre das eher ein 4 stündiger david lynch experimentalfilm, wie hasen und tauben und zucchinis durch das bild geschleudert werden und ein mann im bärenkostüm sitzt vor einer schwarzen leinwand und schält orangen. hipster aus dem zentrum würden verlust hineininterpretieren oder angst. sie würden sagen, es sei eine kapitalismus-allegorie. mein vater im bärenkostüm würd nur abwertend nicken, brummen. jaja. allegorie. wenn du 8 stunden am tag weizenbrotverpackungen kontrollierst, dann kann dir die allegorie den arsch küssen. und wenn du 24 stunden am tag drüber denken würdest, was du als nächstes machst, wie du deine rechnungen zahlen sollst, was deine freunde über das drohende hartz4 sagen würden, dann säßest du hier auch mit einem bärenkostüm und würdest schwachsinnigen orangen die haut abziehen.
„hör bitte auf, darüber nachzudenken, mach lieber deine schule fertig“, sagt mutter. sie weiß, dass ich mich im scheitern suhle, im scheitern einer anderen person. sie weiß, ich mahne mich damit, ich mache es zur ehrensache. „du willst immer alles regeln“, sagt sie, aber ich glaube, sie hofft, ich sei dazu fähig dinge zu regeln. eines tages, wenn ich mein abi hab und studiere und dann geld verdiene, wenn andere mich respektieren. aber was, wenn dann die hilfe zu spät kommt?
ersin labert immer scheisse. ich hab ein referat über so gesellschaftsprobleme mit arbeit in der schule gehalten und frau t. meinte, ich hätte nen guten vortragsstil, ich hätte auch die wichtigsten fakten zusammengetragen. ersin und die anderen meinten dann, ich könne so gut über arbeitslosigkeit reden, weil mein papa ja auch zuhause wäre. da bin ich richtig wütend geworden: auf ersin den spast, auf philip, der so häßlich gelacht hat, auf momo, auf alle einfach. auf meinen vater, weil er denkt, er hätte die schlimmsten probleme und alles verloren und selbstgerecht kreuzworträtsel löst. auf mich, weil ich mich schäme und mitleid hab und ihm nicht helfen kann. ich vertrage auch kein brot mehr, brot macht mir gedankenschmerzen. wofür steht das, spasti? für was ist das ein symbol, eine figur? ich weiß, ich schreibe diese geschichten aus dem inneren eines walfisches, aus dem gemütlichen, großen sicher-bauch, dann ist es auch nicht so traurig. wenn ich mich auf der zunge zur ruhe lege, denk nicht, du wärst cool. denk nicht, du hast nie traurigkeit.

foto: tumblr/internet k-hole

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