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„Mama, warum hast du so wenig Geld, obwohl du immer so viel arbeitest?“

Journalismus ist in der Krise. Vor allem freie JournalistInnen beklagen, dass sie sich den Beruf nicht mehr leisten können. Was bedeutet es gesellschaftlich betrachtet, wenn freie JournalistInnen immer weniger von ihrer Arbeit leben können? Wenn sie beispielsweise auch für den klassischen Gegenspieler PR tätig sind, um sich ihr Leben finanzieren zu können? Und sind freie Arbeitsverhältnisse schlecht? Welche Mechanismen stecken dahinter? Und welche Potentiale?

Diesen Fragen wurde innerhalb eines Seminars im Sommersemester 2013 nachgegangen. Der thematische Schwerpunkt lag dabei vor allem auf freie JournalistInnen der Radioprogramme des ORF. Dieser Artikel fasst die wesentlichen Inhalte zusammen.

„Es reicht die pure Behauptung: Ich bin freier Journalist“

– eine Annäherung an eine Berufsgruppe –

Das Berufsfeld Journalismus hat keine klaren Rahmenbedingungen, die festlegen, wer JournalistIn ist. Rechtlich gesehen gelten in Österreich nur jene Personen als JournalistInnen, die „nicht bloß als Nebenbeschäftigung“ (Journalistengesetz 2002, §1) als solche arbeiten. Damit verbunden ist, ein monatliches Mindestgehalt von 885,18 Euro für Freie JournalistInnen bzw. 1 475,30 Euro für Angestellte (Stand: 1.3.2008).

Beim Journalismus ist weder die Ausbildung ausschlaggebend, noch die Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft oder einer Arbeiterkammer. Fest angestellte JournalistInnen erhalten die Legitimation ihrer Berufsbezeichnung durch ihre Arbeit bei Medienunternehmen. Doch was ist mit Freien JournalstInnen?

Österreich ist, in quantitativer Hinsicht, gut ausgestattet was JournalistInnen angeht. Der österreichische Journalisten-Report I von 2007 zeigt, dass es 7,100 hauptberufliche JournalistInnen gibt. Das sind 87 JournalistInnen pro 100,000 Einwohner – weit mehr als in Deutschland oder den USA. Von diesen sind 71 Prozent fest angestellt, nur 17 Prozent arbeiten radiojournalistisch. Als Hauptberufliche definieren die Autoren Menschen, die von ihrer Arbeit als JournalistInnen „leben“ können, also monatlich mehr als 1000 Euro pro Monat mit journalistischen Dienstleistungen verdienen. Wahrscheinlich, so ihre Annahme, gebe es aber etwa 900 JournalistInnen, die hauptberuflich arbeiten, damit aber unter 1000 Euro monatlich verdienen.

Diese Zahlen, auch die weiter oben genannte Summe von 885,15 Euro weisen jedoch schon auf ein Paradoxon hin. Diese Definitionen von JournalistInnen klammern all jene Medienschaffende aus, die für ihre Arbeit nicht die entsprechende Leistung bekommen und trotz eines großen Arbeitsaufwands nicht allein von ihrer journalistischen Tätigkeit leben können. Die österreichische Armutskonferenz definierte die finanzielle Armutsgrenze 2013 mit 1.066 Euro. Hier müssen also andere Tätigkeiten aufgenommen werden, um finanziell unabhängig zu sein. Für den Kommunikationswissenschaftler Siegfried Weischenbergsind daher sowohl Arbeitszeit als auch Gehalt ausschlaggebend für eine Definition der Berufsgruppe. Sie beschränken diese zwei Dimensionen aber nicht auf statische Zahlen, sondern auf fließende Prozentwerte: Wer über 50 Prozent seines Einkommens durch Journalismus verdient oder mehr als die Hälfte seiner Arbeitszeit mit der Produktion von journalistischen Inhalten verbringt, kann sich JournalistIn nennen. Somit könnten auch jene, die weniger als 1000 Euro im Monat mit ihrer journalistischen Arbeit verdienen dennoch als JournalistIn bezeichnet werden.

Diese heterogene Masse kann man über ihre Beziehung zum Abnehmer journalistischer Inhalte in vier Gruppen gliedern:

  • die ‚echt‘ Freien, also JournalistInnen, die keine festen Auftraggeber haben, ihre Themen frei wählen und ihre Arbeiten verkaufen;
  • die „Bauchladen-JournalistInnen“, welche einen bestimmten Themenkreis haben, mit dem sie sich auseinandersetzen und zu dem sie regelmäßig Inhalte für verschiedene Medien herstellen;
  • JournalistInnen in Redaktionsbüros, die sich Kosten und Aufträge teilen und
  • die festen Freien (oder PauschalistInnen), die an einen Auftraggeber gebunden sind.

Zudem gebe es noch freie „JournalistInnen“, die nur nebenberuflich journalistische Inhalte produzieren und dies entweder als Ehrenamt oder Zuverdienst sehen. Unter diese Gruppe fallen beispielsweise Lehrer, Professoren, Studenten und Pensionisten.

Die festen Freien befinden sich in einem „dienstnehmerähnlichen“ Verhältnis zu ihrem Auftraggeber, was sowohl Rechte als auch Pflichten mit sich bringt. So sollten sie beispielsweise Recht auf bezahlten Urlaub haben, sind gleichzeitig aber auch „weisungsgebunden und fest im Redaktionsablauf eingeplant“. Sozialrechtlich betrachtet fallen sie in Österreich damit unter die Pflichtversicherung nach §4 ABS 4 ASVG, sie werden also nicht als Selbständige betrachtet. Als Freie genießen sie aber kaum Kündigungsschutz bzw. sind ihre Aufstiegschancen gering. Die Vorteile ‚echter‘ Freien, ihre vermeintliche Unabhängigkeit und das Charakteristikum der Selbstständigkeit fällt bei ihnen aber weg.

Selbstständig ist, wer im Wesentlichen frei seine Tätigkeit gestalten und seine Arbeitszeit bestimmen kann. Selbstständige bestimmen auch, „wo“ sie arbeiten, das heißt, sie sind in der Wahl des Arbeitsortes grundsätzlich frei. Freie Mitarbeiter haben im Regelfall verschiedene Auftraggeber zur selben Zeit.

„Entweder Geld verdienen oder Freiheit. Ich habe halt jetzt Freiheit“

– das Selbstverständnis –

Während die Situation der freien JournalistInnen in Deutschland mehrfach untersucht wurde, finden sich in Österreich keine vergleichbaren Analysen. Freie tauchen hier nur in Analysen der allgemeinen Strukturen des österreichischen Mediensystems auf. Aus den verschiedensten Analysen lässt sich vor allem eines mitnehmen: Freie JournalistInnen sind weit entfernt vom durchschnittlichen österreichischen Journalisten.

JournalistenNach einer Analyse aus dem Jahr 2009 sind sie vor allem weiblich und jung (26 bis 35 Jahre), mehrheitlich für Printmedien tätig (60 Prozent der weiblichen und 55 Prozent der männlichen Freien) und nur sechs (weiblich) bzw. fünf (männlich) Prozent der österreichischen freien JournalistInnenn arbeiten für ORF Medien. Dies kann vor allem damit begründet werden, dass 2004 ein Großteil der freien MitarbeiterInnen in ORF-Medien angestellt wurden. Inwieweit diese Zahlen knapp fünf Jahre später stimmen, lässt sich schwer sagen. Festzuhalten ist jedoch, dass die Freien des ORF nur eine kleine Gruppe innerhalb der österreichischen Freien ausmachen.

Mit den genaueren Analysen der Situation österreichischer Freier fehlt auch eine Erhebung ihres Selbstverständnisses. Aufbauend auf die Studien von Siegfried Weischenberg, in denen repräsentative und theoretisch fundierte Umfragen unter deutschen Journalisten Mitte der 1990er und 2000er erhoben wurden, widmen sich auch die Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen und Nina Springer explizit der Situation freier JournalistInnen in Deutschland. Sie zeichnen ein spannendes Bild der Freien in Deutschland, das sich von den Erkenntnissen in Österreich stark unterscheidet. So ist der durchschnittliche Freie in Deutschland eben nicht weiblich und jung, sondern im Gegenteil 47 Jahre alt und männlich (65 Prozent) und ‚echt‘ frei. Zudem haben diese freien Journalisten zu 66 Prozent einen akademischen Abschluss und verdienen gut, aber immer noch unter dem Durchschnitteinkommen festangestellter JournalistInnen. Hierbei ist vor allem eines auffallend: Nicht das Medium ist entscheidend für das monatliche Einkommen. Es ist vielmehr abhängig von „der Qualität der Kontakte, von der Art der Aufträge und vom ganz persönlichen Ruf, den man in den Redaktionen genießt“. Das Akquirieren von Aufträgen ist hierbei also ein zentraler Bestandteil der Tätigkeit als JournalistIn.

Als Gründe für die Freiberuflichkeit gaben viele TeilnehmerInnen der Studie trotz aller Schwierigkeiten oft die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf an, ein Hang zum „Idealismus“ und den Vorteil außerhalb starrer Strukturen zu stehen. In den qualitativen Interviews, die Meyen und Springerzusätzlich zu einer Onlineerhebung geführt haben, tritt ein weiterer wesentlicher Punkt hervor: Die freie Gestaltung seiner Arbeits- und Freizeiten. Hierbei wird bewusst auf eine bessere Entlohnung verzichtet, um sich Freiräume im Alltag schaffen zu können. So sagt ein Online-Journalist, der monatlich eine „freie Woche“ hat:

Das ist mir extrem wichtig. Das ist genau ein Punkt, der mich vorher sehr gestört hat. Dass ich bis auf einen normalen Jahresurlaub keinen Spielraum habe. Das habe ich mir vorher so durchgerechnet, weil man so natürlich dann jeden Monat Honorar verliert. (2009: 77)

Die oben genannten Gründe für ein Verhältnis als Freie nennen auch einige Ö1 und FM4 JournalistInnen, die auf einem Blog über ihre Lage berichten. 26 Journalistinnen und 10 Journalisten benennen Gründe, warum sie trotz finanzieller Schwierigkeiten weiterhin für den ORF als freie Mitarbeiter arbeiten mit der Liebe zur Arbeit, der Möglichkeit, relevante Themen im Detail zu recherchieren und gestalterisch darzustellen.

Ebenso relevant scheint die Kritik- und Kontrollfunktion, mit der sich einige betraut sehen. Eine Ö1 Redakteurin schreibt „Ich halte viel auf das Prinzip eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks, und es ist mir eine Ehre, meistens auch eine Freude, dazu beitragen zu können. Was der ORF, und insbesondere Ö1 und FM4, zur Meinungsbildung, Aufklärung und Demokratie beiträgt, ist unersetzbar.“ Eine weitere nennt als Grund, warum sie trotz finanzieller Engpässe immer noch für Ö1 arbeitet, die Qualität des Journalismus: „Für Radio Ö1 arbeite ich noch, weil die Tätigkeit selbst eine erfüllende ist und man ein Stück weit seinen Idealismus ausleben und den Journalismus pflegen kann.“

Die Statements der 36 JournalistInnen, die für Ö1 und FM4 als Freie arbeiten, zeigen vor allem eines: Obwohl es sich finanziell nicht rentiert, in diesem Arbeitsverhältnis zu bleiben, gibt es viele immaterielle Gründe, warum man dennoch bleibt. Zu den drei schon genannten, wird oftmals auch das Verhältnis zu den KollegInnen und die Arbeitsatmosphäre innerhalb der Redaktionen angeführt.

„Es geht sich trotz äußerster Sparsamkeit wirklich nicht mehr aus.“

– die finanzielle Situation –

Auch wenn die Ergebnisse der Studien aus Deutschland suggerieren, dass Freiberuflichkeit der bessere Weg im Journalismus ist – frei von Zwängen, selbstständig gestaltbar – die finanzielle Dimension spricht bei Vielen dagegen. So ist gerade die Entlohnung vieler fester Freier bei Ö1 und FM4 ein Problem, dass sie nicht mehr so hinnehmen wollen.

Denn leider ist es so: Mit der Selbstständigkeit kommt meistens auch immer ein niedrigeres Honorar. „Generell verdienen zwar 9 von 10 Journalisten mehr als der österreichische Durchschnitt von 1,900 Euro brutto monatlich; von den freien Mitarbeitern erreichen aber 60 Prozent nicht einmal dieses österreichische Durchschnittsgehalt“ stellt der Journalisten-Report 2007 fest. Und selbst wenn einige doch besser verdienen, das Gros schneidet im Vergleich zu seinen angestellten KollegInnen schlechter ab. So verdienen sie im Schnitt etwa 800 Euro weniger als festangestellte KollegInnen.

journalistenreportDas mag zum einen daran liegen, dass Freie weniger arbeiten als Festangestellte. Die durchschnittliche Wochenstundenzahl beträgt medien-übergreifend 42,5 Stunden – ein Viertel aller JournalistInnen gibt sogar an, bis zu 60 Wochen-stunden zu arbeiten. Vor allem im Printbereich wird viel gearbeitet. RadiojournalistInnen arbeiten im Schnitt 41,8 Stunden pro Woche. Freie JournalistInnen dagegen liegen im Durchschnitt bei nur 34 Wochenstunden. Das kann zum einen daran liegen, dass viele Freie Teilzeit arbeiten. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass die Grenze zwischen Arbeit und Privatem fließend sind. Dies sei im Journalismus allgemein der Fall, so die Autoren des Journalisten Report. Doch Freie sind ständig auch dabei Geschichten zu finden, Kunden zu akquirieren. Eine „klare Trennung zu schaffen zwischen der Arbeit und der Privatsphäre“ wird unter diesen Umständen erschwert, sagen auch Meyen und Springer.

Trotzdem verdienen 50 Prozent der weiblichen Freien in Vollzeit häufig nur bis zu 1500 Euro im Monat. Dies liege vor allem an unregelmäßigen Aufträgen und niedrigen Honorarsätzen. Wissenschaftler geben sie zu bedenken, dass niedrige Löhne automatisch auch das Lebensgefühl minimieren:

Erst mit der Höhe des Einkommens steigt auch die Zufriedenheit mit der Bezahlung: Bei denen, die über 3.000 Euro netto verdienen, sind dann doch 84 % sehr oder eher zufrieden – bei denen, die unter 1.500 Euro verdienen, ist es nur ein Viertel.

Im österreichischen Radiojournalismus bietet sich ein ähnliches Bild: Weibliche JournalistInnen verdienen deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Bedingt wird das durch zwei Faktoren: Zum einen sind Frauen oft in Teilzeitarbeitsverhältnissen angestellt, zum anderen sind auch besonders viele Freie weiblich. Über die Höhe der einzelnen Honorarsätze beim öffentlich-rechtlichen Radio in Österreich ist wenig bekannt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Freie für einen 15minütigen Beitrag etwa 300 Euro erhalten. Je nach Arbeitsroutine und Thema stecken in einem solchen Beitrag jedoch mehrere Tage Arbeit. So sagt Ö1 Journalistin Monika Kalcsis im standard.at Interview: „für eine halbstündige Sendung [bekomme ich] 700 Euro (…), für die ich mindestens zwei bis drei Wochen arbeite.“

Auf ihrem Blog beschreiben die protestierenden Freien ihre finanzielle Situation. Erwachsene Menschen geben hier an, dass sie trotz Arbeit finanziell von ihren Lebenspartnern oder sogar Eltern abhängig sind. Einige ‚leisten‘ sich die Arbeit für Ö1, die ihnen Spaß macht, indem sie zwischendurch in anderen Berufen Geld verdienen. „Ich arbeite seit 15 Jahren für Ö1, und zwar dann, wenn ich mir es leisten kann“, schreibt ein 41-jähriger Redakteur. Eine weitere, die seit 14 Jahren für Ö1 tätig ist und mit 37 Jahren immer noch von ihren Eltern unterstützt wird, sagt, dass sie keinerlei Aufstiegschancen hat: „Das bedeutet, dass sich trotz langjähriger Berufserfahrung und vieler Beschäftigungsjahre im Unternehmen mein Einkommen nie nennenswert erhöht hat.“

Auch das ist typisch für die österreichische Medienlandschaft: Die Fluktuation ist kaum vorhanden. Wer nicht schon früh Karriere macht, hat später geringe Chancen. Die finanziellen Sorgen wirken sich auch auf Beziehungen und die Gesundheit aus. Krank werden möchte niemand, der Verlust durch Arbeitsausfall sei zu riskant, schreibt eine Journalistin. Eine andere hat vor allem Angst vor der Zukunft: „In schlaflosen Nächten mach ich mir Sorgen, im Alter unter der Brücke zu enden.“

Mai 2013 reagierten ORF Generaldirektion und Betriebsrat und stellten neue Regeln und Honorare für die ORF Freien vor. So sollen Honorare in Zukunft lohn- statt einkommenssteuerpflichtig sein und acht bis zwölf Prozent höher ausfallen als bisher. Zudem forderte Zentralbetriebsratschef Gerald Moser die Abschaffung von halblegalen Scheinselbständigkeiten. Prekäre Arbeitsverhältnisse, so Moser, würden nur durch Anstellungen und nicht durch höhere Honorarsätze verhindert werden. Die ORF Freien waren mit diesen Änderungen nicht einverstanden. Sie protestierten ein letztes Mal virtuell auf ihrem Blog, wiesen darauf hin, dass die Erhöhung maximal monatlich 100 – 150 Euro mehr bedeuten würden und forderten: „Geschäftsführung, Stiftungsrat und Politik sind nach wie dazu angehalten, eine zufriedenstellende Lösung für die prekär beschäftigten ORF MitarbeiterInnen zu finden.“

„Fixkosten runter, Honorare drücken, Marktmacht demonstrieren“

– Outsourcing als Gefahr für Qualität? –

Die Zahl der freien JournalistInnen in Österreich wächst seit 1976 stetig. Während Frauen historisch betrachtet eher freiberuflich tätig waren, gleicht sich die Zahl der männlichen Freien aber kontinuierlich an. Dies liegt wohl daran, dass ein Wandel in den Mediensystemen stattfindet. Flexibilität in der Planung von Medienprogrammen fordern, dass Anstellungsverhältnisse in vermehrtem Maße verschwinden. So seien vor allem BerufseinsteigerInnen (26-35 Jahre) öfter (feste) Freie. Hier liegt der Wert um 15 Prozentpunkte höher als in älteren Berufsgruppen. Vor allem junge JournalistInnen finden sich heutzutage einer enormen Konkurrenz gegenüber. Denn trotz der viel benannten Medienkrise und der Unbeliebtheit der Berufsgruppe der JournalistInnen innerhalb der Bevölkerung, erfreuen sich Medienberufe stetig wachsenden, besser ausgebildeten Nachwuchses. Gleichzeitig müssen Medien unternehmerisch verwaltet werden, schließlich sind sie auch Teil eines Wirtschaftssektors, der sich in einem permanenten Veränderungsprozess befindet. Das Überangebot in der Medienlandschaft zwingt Unternehmen, sich bestmöglich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. Das gelingt zum einen durch Innovation, zum anderen durch Senken von Kosten. Technische Innovationen erlauben es mittlerweile Einzelpersonen ganze Programme alleine zu gestalten. Deswegen werden Kernredaktionen immer kleiner, zusätzlich benötigte Inhalte werden von Freien eingekauft. Die Gefahr hierbei ist, dass von Kernredaktionen und Freien mehr gefordert wird, als sie leisten können. Journalismusforscher Kurt Weichler spricht von der „weitverbreiteten Mentalität, gute Leute nicht zu pflegen und zu fördern, sondern sie zu ‚verheizen‘“. Er plädiert dafür, dass sich alle Redakteure der Kosten bewusst sind, Interesse für diese aufbringen, damit so Entscheidungen aus der Chefetage verständlicher werden.

Was bedeutet es für Medien und ihre Inhalte, wenn die kleinen Redaktionen überlastet sind – die Zahlen über durchschnittliche Wochenstunden suggerieren ein hohes Arbeitspensum – und Inhalte auch vermehrt von freien JournalistInnen kommen?

Die deutschen Interessensverbände Freischreiber und Netzwerk Recherche weisen in diesem Zusammenhang vor allem auf die Gefahr der Parallelarbeit mit Public Relations hin: „Die Anforderungen und die Arbeitsweise ähneln sich, die Honorare liegen weit über denen, die im Journalismus gezahlt werden“. Netzwerk Recherche und die Freischreiber haben deswegen mit Ehrenkodizes auf dieses Problem reagiert. Bei Netzwerk Recherche verpflichtet man sich ganz dem journalistischen Schreiben – Tätigkeiten für PR werden hier abgelehnt. Die Freischreiber sind hier nicht ganz so strikt, sie verlangen lediglich Transparenz. Freie, die den Freischreibern angehören, geben zudem an, nie für einen Themenkomplex PR zu machen, den sie auch journalistisch bearbeiten.

Das Prinzip der freien JournalistInnen bietet allerdings auch viel Potential. Sie sind nicht in den festen und oftmals auch starren Redaktionsabläufen eingeplant und bewegen sich im Idealfall in journalismusfernen Kreisen. Somit bringen sie andere Perspektiven auf Themen mit, eignen sich kreative Herangehensweisen an und können sich dauerhaft in Spezialthemen einarbeiten. Sie werden also auch in Zukunft weiter ein fester Bestandteil der Medienbranche sein – und höchstwahrscheinlich als solcher weiterhin zunehmen.

Ein Ausblick

Der Deutsche Journalisten Verband (DJV) hat im 2013 die Ergebnisse einer Projektgruppe zur Zukunft des Journalismus in acht Thesen veröffentlicht. Die wesentlichsten Thesen bestätigen die Annahme, dass Freie das Zukunftsmodell werden, feste JournalistInnen dabei vermehrt als Inhalte verwaltende RedaktionsleiterInnen arbeiten werden. Damit sich dieses Konzept für Freie auch rechnet, müssten freie JournalistInnen sich selbst als Unternehmen wahrnehmen. Der DJV formuliert dies so:

Dabei wird es für die freien Journalistinnen und Journalisten immer wichtiger, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln und auch umzusetzen. Unternehmerische Kenntnisse und Fähigkeiten der Selbstvermarktung werden deshalb eine wichtige Voraussetzung für beruflichen Erfolg. Im Gegenzug verlieren klassische Tarifverträge, betriebliche Vereinbarungen und andere arbeitnehmerbezogene Errungenschaften quantitativ an Bedeutung.

Damit schließen sie an die Idee des unternehmerischen Handelns an. Diese Idee ist nicht neu. Zahlreiche Handbücher für Freie predigen seit Jahren, dass freie JournalistInnen vor allem UnternehmerInnen sind, die ihre Arbeit auf einen vorher festgelegten Business-Plan stützen können.

Das bedeutet allerdings auch, dass die Freien ‚echte‘ Freie sind – JournalistInnen, die sich aus freien Stücken und nicht aus Zwang dafür entschieden haben, selbständig zu werden. Und JournalistInnen, die mehr als einen ‚Kunden‘, also mehr als ein Medienunternehmen haben, die ihre Geschichten kaufen. Hier besteht auch das wesentliche Problem der freien JournalistInnen der ORF Radios – Ö1 oder FM4 sind oft die einzigen Abnehmer ihrer Geschichten. Sie sind also auch hier abhängig von den Beziehungen zu den Redaktionen.

Foto: Antony Catalano

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