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Heute wird mir schlecht von: Faith in humanity

Seit einiger Zeit kursieren immer öfter „soziale Experimente“ im Internet, vorrangig auf Youtube und 9Gag zu finden. „Faith in humanity: restored“ – „Der Glaube an die Menschheit: wiederhergestellt“ ist eine Art Sozialpornographie über gute Taten und vorbildliches Handeln, die uns Erleichterung beim Zusehen schaffen soll. Ahh, es gibt sie doch, die anständigen Menschen. „Soooo arm dran, aber dann doch so herzensguuuuut!“
Tränen sammeln sich in den Augen. Der obdachlose Mann hat nichts und dennoch gibt er das verlorene Portemonnaie zurück, wir sollten ihm dafür $1000 schenken. Ohh, ein Teenager hat einer blinden Frau (die in Wirklichkeit gar nicht blind ist) über die Straße geholfen, wie wäre es mit einem Starbucks-Gutschein? Und wieso lassen wir nicht einfach auf der Straße lebende Personen eine Testrunde mit einem Lamborghini fahren, um ihre Reaktionen dann zu filmen und ihre glücklichen Gesichter auf Youtube zu exponieren?

Ein türkisches Sprichwort sagt: „Bir elinin verdiğini öbür elin görmesin“ – Was deine eine Hand gibt, soll deine andere Hand nicht sehen. Hier wird die gebende Hand täglich millionenfach angeklickt.
Allein dass sich ein älterer, in Armut lebender Mann bücken muss, um die vermeintlich verlorene Geldbörse aufzuheben und sie dem heimlich filmenden „Philantropen“ zurückzugeben, rührt mich zu Tränen. Weil es demütigend ist. Und weil sich das „gut fühlen“, wenn man jemandem hilft, von einer kleinen erlaubten Freude zu einem multiplen Orgasmus verwandelt, wenn Tausende applaudieren.

Wer könnte einer Person, die keinen Schlafplatz hat, deren nächste Mahlzeit nicht feststeht und deren Körper permanent der Natur ausgesetzt ist, ernsthaft vorwerfen, wenn sie das Geld einfach behält? Diese Youtube-Videos tun es jedenfalls, durch künstliche Kontrasterzeugung, durch Geldbelohnungen, Pseudo-Rührseligkeiten. Man kann zwar nichts besitzen, aber das heißt nicht, dass man nicht noch weiter kategorisiert werden kann.

Dass gerade wir die Moral anderer überprüfen ist zynisch – wären wir nämlich dazu in der Lage zu bewerten, was gut ist und was nicht, dann bräuchten wahrscheinlich viele nicht so mühevoll zu leben.

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