kawaii_seal-636x310

Heute wird mir schlecht von: Self Empowerment-Hashtags Teil 1 #wiesmarties

Möglicherweise machen wir uns unbeliebt. Nennt es November-Blues, aber twitter hat uns gestern schechte Laune bereitet. Da lesen wir seit Montag die traurigsten Sachen aus den USA; politische Themen, die uns auch hier in Europa betreffen. Und dann stolpern wir über Hashtags, die beim ersten Beispiel undurchdacht und beim zweiten schlicht scheinheilig sind – wir wollen uns zunächst dem ersten Übelkeitsgrund widmen.

In Deutschland wird es auch endlich die „Pille danach“ rezeptfrei geben. Mit Italien, Polen und Ungarn war Deutschland unter den letzten vier Europäern, die sich ihrem Konservatismus unterworfen haben und gegen den freien Zugang zu nachträglichen Verhütung waren. Die twitteria feierte das unter #wiesmarties. Der Hashtag hat seine Ursprünge in einer Aussage von CSU/CDU-Gesundheitssprechers Jens Spahn, der Frauen Selbstbestimmung abspricht und vor einer Einnahme „wie Smarties“ warnt.

Inwieweit medizinische Ethik mit in die bisherige Entscheidung eingefloßen ist oder ob das alles nur konservative Lobbyarbeit (wohl wahrscheinlich bei der CDU) war, können wir nicht beurteilen. Wir sind auch nur Sozialwissenschaftlerinnen und eine Toxikologin, wir haben wahrscheinlich auch nur die entsprechenden Studien bzw. Texte dazu gelesen. Wir sind für Selbstbestimmung, erst recht wenn es um unsere Körper geht – und nicht nur die Verhütung, sondern auch Schwangerschaftsabbrüche betreffend.

Aber. Ja, aber. Die Trivialisierung von Medikamentenmissbrauch stößt uns übel auf. Spahn hat damit begonnen, als er ein effektives Mittel, das durchaus die Fähigkeit hat, schwangerschaftsabbrechend zu wirken, polemisch als Smarties betitelte. Und der Gedanke hinter der empowernden Verwendung des Hashtags ist verständlich. Aber bei Tweets wie diesen kommt uns die Kotze hoch:

 

Klar, bewusster Gebrauch von EllaOne ist gesünder für den Körper als jeden Tag die scheiß Yasminelle. Aber wie wäre es mal mit Verhütungsmethoden, die den Körper nicht abfucken? Verhütungsmethoden, die wirklich feministisch sind? Die alle GeschlechtspartnerInnen betreffen? Call me oldfashioned, aber bei mir gibt es seit vier Jahren nur noch Kondome und bisher hatte ich *fingers crossed* auch noch keine Unfälle – wohingegen meine sieben Jahre mit minimal dosierten und noch minimaler dosierteren Pillen und Ringen nicht nur körperliche Komplikationen mit sich brachte, sondern auch Unsicherheiten und Unfälle. Und ganz zu schweigen von Geschlechtskrankheiten.

Künstlich dem Körper zugefügte Hormone sind immer scheiße. Und man kann nicht absehen, welchen Effekt sie auf die Einzelperson haben werden. Die Pille EllaOne, die ihr da wie Smarties einwerfen wollt und die nur stolze 36 Euro kostet, wird nicht ohne Grund die „längere Pille danach“ genannt – ihre Wirksamkeit besteht laut Packungsbeilage auch noch nach fünf Tagen. Ausreichende Studien zur Wirkung des in EllaOne verwendeten Mittels Ulipristalacetat gibt es nicht, Reproduktionstoxität, (nur an Tieren getestet) kann nicht ausgeschlossen werden. Also ist nicht belegt, dass EllaOne nur verhütend oder auch schon abtreibend wirkt. Die Medizinjournalistin Martina Lenzen-Schulte schreibt über Ulipristalacetat:

Allerdings gibt es Befunde, die zusätzliche Brisanz in die Debatte bringen. Die Gruppe um Bruno Mozzanega von der Universität in Padua meldet erhebliche Zweifel an, dass Ulipristal tatsächlich ein Mittel zur Notfallverhütung ist. Sie behauptet vielmehr, dass es eher in die Kategorie „Abtreibungspille gehört („Reproductive Sciences“). Der Unterschied ist keineswegs trivial. In dem einen Fall verhindert das Mittel, dass ein Embryo entsteht, im anderen Fall, dass der bereits vorhandene Embryo weiterleben kann.

Ulipristalacetat ist zudem relativ neu auf dem Markt (verglichen mit anderen „Pille danach“) – schon merkwürdig, dass ausgerechnet das (teuerste) Produkt jetzt die rezeptfreie Pille werden soll. Da haben Pharmakonzerne bestimmt nichts mit zu tun.

Aspirin und Ibuprofen sind in hohen Dosen auch schädlich für den menschlichen Körper und es ist durchaus wichtig und richtig, dass Frauen, die nicht in großen Städten leben, schnellen Zugang zu nachträglichen Verhütungsmethoden haben. Aber diese twitter-Party ist eine Verharmlosung, die man sich vielleicht in einer emanzipierten Aufgeklärtheit leisten kann, in einer bildungsbürgerlichen Arzneienkompetenz. Arztbesuche können, wir erinnern hier an frühere Abtreibungsdebatten, in der Tat „patronisierend“ sein oder einem bevormundenden Beratungsapparat gleichen, dem die Frauen ausgesetzt sind. Ist aber jede medizinische Begleitung bei dieser Sache grundlegend überflüssig? Und werden dadurch befürchtete, elterlich-autoritäre Prozesse nicht von der Arztpraxis in die Apotheke verlagert?
Wir wissen auch alle, dass man nicht täglich Aspirin einschmeißen sollte – und trotzdem kennen wir viele, die es trotzdem machen. Als Teenager haben sich manche den „Blutverdünner“ für eine schnellere, effektivere Alkoholisierung eingeworfen. EllaOne scheint ein Produkt zu sein, das wir noch nicht ausreichend beurteilen können und das man daher in äußersten Notfällen nehmen sollte. Denn nur weil ein Medikament auf dem Markt ist, bedeutet es noch lange nicht, dass es gut für uns ist. Ich durfte ganz persönlich meine Erfahrungen damit machen als mir die Yasminelle als Primärpille verschrieben wurde. Just because you can, doesn’t mean you should.

„ABER EMANZIPATIONSAUFKLÄRUNGSBLABLABLA“ – #girlbye

tumblr_n9w9n9Ksq51t1913fo1_500

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *