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Dann schwimm doch in deine Heimat zurück, ausländische Qualle

Toleranz bedeutet nicht, dass ich mich so verhalten muss wie du glaubst, wie ich zu sein habe, weil du mir die Grenzen meiner Andersartigkeit vorgibst, deine Grenzen. Wieso Individualität nur ein Privileg der Mehrheitsgesellschaft bleibt.

Beginnen wir mit einem Zitat:

„Daß das stigmatisierte Individuum dabei ertappt werden kann, die taktvolle Akzeptierung seiner zu ernst zu nehmen, weist darauf hin, daß diese Akzeptierung bedingt ist. Sie hängt davon ab, ob Normale nicht über den Punkt hinausgedrängt werden, bis zu dem sie Akzeptierung bequem ausdehnen können – oder schlimmstenfalls, unbequem ausdehnen. Von den Stigmatisierten wird taktvoll verlangt, wie Gentlemen zu sein und ihr Glück nicht zu erzwingen; sie sollten die Grenzen der ihnen gezeigten Akzeptierung nicht auf die Probe stellen und sie auch nicht zur Basis immer weiterer Forderungen machen. Toleranz ist gewöhnlich Teil eines Geschäfts. (..) da die Linie der guten Anpassung von jenen präsentiert wird, die den Standpunkt der weiteren Gesellschaft einnehmen, sollte man fragen, was es für die Normalen bedeutet, wenn die Stigmatisierten sie befolgen. Es bedeutet, daß die Unfairneß und die Pein, ein Stigma tragen zu müssen, ihnen niemals vorgehalten wird; es bedeutet, daß Normale sich nicht eingestehen müssen, wie begrenzt ihr Takt und ihre Toleranz sind; (..)“ (aus: Stigma, E. Goffman, 1975)

Ob es nun die sich um Akzeptanz bemühenden und dabei selbst in der Logik von Auf- und Abwertung befindenden Twitter-Hashtags #ItooAmHarvard & #AuchichbinDeutschland sind oder die „Toleranz“-Wochen bei ARD. Können wir bitte mit dieser Anbiederung aufhören? „Aber ich kann doch so gut deutsch, ich bin hier geboren, aufgewachsen, ich bin ein echter XY!“ Die ARD fragt noch, ob du eine Bereicherung oder Belastung bist und du willst unbedingt Bereicherung sein? Lieb von dir. Wie sieht’s aus mit deinem Charakter, deiner Persönlichkeit?
Alle sind wunderbar tolerant – bis du etwas willst. Oder bist du etwas kritisiert. Jedes mal habe ich Angst um die AutorInnen verschiedener Blogs und Zeitungskolumnen, wenn sie über Rassismus und Homophobie schreiben und selbst irgendwie betroffen sind. „Oh nein, Person mit nicht-deutschem Namen“, denkt es dann in mir, „du hättest diesen Weichspül-wir-müssen-uns-alle-lieb-haben-Scheiss schreiben sollen, obwohl du lieber darüber geschrieben hast, was du dir an Diskriminierungen nicht mehr gefallen lassen willst.“ Denn spätestens jetzt ist auch beim Tolerantesten schluss mit lustig:

„Wie sieht’s denn in xy aus mit Rassismus?“
„Da hättest du den Beitrag aber nicht schreiben können…“
„Ach, den Leuten geht’s hier zu gut.“
„Wenn sie denkt alle Deutschen/Österreicher wären rassistisch, dann soll sie doch woanders hingehen.“
„Die sind selbst auch rassistisch.“ (Sic!)

Die „woanders hingehen“-Karte. Die „Heimat“-Karte. Dann kommt das „Aber das ist doch meine Heimat“-Geschleime, Geheule. Der weiße Mann geht müde nach Hause (Nicht-Internet), die Arbeit ist getan. Wieder einen frechen Ausländer zurechtgewiesen. Toleranz bedeutet, dass du mich irgendwann an meine Devianz, mein Abweichen von der Norm, erinnerst, wenn ich mich für einen kurzen Moment als gleichwertige Diskurspartnerin gehalten habe.

Thomas und Anton wollen heiraten. Jetzt wollen sie auch noch ein Kind adoptieren, na servas! ERST ERLAUBEN WIR IHNEN ZU HEIRATEN, JETZT WOLLEN SIE KINDER!!!!!
Ja, richtig gehört. Toleranz bedeutet, dass du mir etwas erlauben und verbieten kannst, weil du über mir stehst.

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Ich verstehe, wieso man „dazugehören“ will. Aber ernsthaft – wer möchte auf eine Party gehen, zu der er nicht eingeladen wird? Sagen wir dann, dass wir besonders gut tanzen können, gut aussehen, ja keine Gläser umwerfen werden? Nein. Menschen müssen Unterschiede akzeptieren. Menschen müssen Unterschiede als Chance zur Selbsterkenntis und Transformation erkennen. Und wenn sie es nicht können oder wollen, dann müssen sie an ihrer Wahrnehmung arbeiten, nicht du an deiner Herkunftsgeschichte, Geschlechtsidentität, was auch immer.

Erfrischend wäre sowas wie „Ich bin Russe und ich hasse mich dafür selbst.“ oder „Ich wünschte, ich wäre hell.“ Zeit, um einen neuen Trend bei Twitter zu starten. It makes no fucking difference!

Wie es der Blog derkeineunterschied.de so schön zusammenfasst:

„Mir ist gerade der Kragen geplatzt. Die ARD ruft zu so genannten „Toleranzwochen“ auf, um in verschiedenen Sendungen von selbsternannten Expert_innen mal wieder durchdiskutieren zu lassen, was sich Leute, die ohnehin schon privilegiert sind, noch alles von Diskriminierten gefallen lassen müssen – und was nicht. (..) Ich hab diese Verachtung so satt! Ich bin eine lesbische Frau*. Und ich frage mich, was wir – die “Unnormalen” – uns eigentlich noch alles bieten lassen müssen. Und ob meine Toleranz gegenüber Privilegierten nicht langsam am Ende ist.“

Danke.

Bilder: tumblr / internet k-hole

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